Chronik 1945 – 1970

1. Die Entstehung der Fliegergruppe nach dem 2. Weltkrieg

Der Krieg, in dem die Innenstadt von Böblingen wie auch der Flugplatz mit den Klemm Flugzeugwerken schwer getroffen wurde, war vorüber. Der Flugplatz wurde Gefangenenlager und jeglicher Flugbetrieb war durch das Militärregierungsgesetz untersagt. Die Nachkriegsjahre vergingen und mit größer werdendem Abstand zur Vergangenheit wurde der Gedanke wieder fliegen zu dürfen, immer mehr und mehr öffentlich diskutiert. Überall, auch in Böblingen und Umgebung, bildeten sich kleine, nicht organisierte Gruppen, die dafür plädierten, zumindest den Segelflug freizugeben.

Am 1. Oktober 1950 wurde die Flugsportgruppe Böblingen-Sindelfingen gegründet uns so konnte ab

1951 der Segelflug wieder betrieben werden. Die erst vor wenigen Monaten gegründete Flugsportgruppe konnte im städtischen Feierraum in Böblingen eine Werkstatt zum Bau von Segelflugzeugen einrichten. Noch im selben Jahr spaltete sich der Verein in die Flugsportgruppe Hanns Klemm Böblingen und den Flugsportverein Sindelfingen. Wie sich später herausstellte zum Wohle beider Vereine. Im August konnte die Flugsportgruppe Böblingen mit einem selbstgebauten Schulgleiter auf den Stoppeläckern bei Lehenweiler die ersten Flugversuche wagen. Mit einer im Selbstbau hergestellten Winde wurde der Schulgleiter in die Luft katapultiert. Nach dem Umbruch der Felder wurde der Flugbetrieb über die Wachstumsruhe auf Wiesen bei Holzgerlingen, Eutingen, Unterjesingen, Dagersheim und Böblingen (beim Bierkeller) weiterbetrieben. Trotz des Engagements des damaligen Bürgermeister Wolfgang Brumme, der sich schon frühzeitig für den Flugsport einsetzte, konnte kein ständiges Fluggelände gefunden werden. Zwischenzeitlich war man mit der Werkstatt in das Untergeschoss des neuerstellten Rathauses umgezogen. Spenden aus weiten Kreisen der Bevölkerung machten es möglich, mit dem Bau eines doppelsitzigen Segelflugzeuges, einer Mü 13E, zu beginnen.

Am 21. März 1953 wurde das neue Flugzeug von Frau Brumme auf den Namen „Stadt Böblingen“ getauft. Der Jungfernflug wurde wenige Tage später auf den Wiesen bei Dagersheim durchgeführt. 1953 war insgesamt ein Jahr des Aufbaus. Auf dem Venusberg bei Aidlingen konnte dank des Entgegenkommens der Gemeinde Aidlingen ein einigermaßen brauchbares Fluggelände gefunden und im Laufe des Jahres mit einer Arbeitsleistung von 1200 Stunden hergerichtet werden. Nach dem Jungfernflug der „Stadt Böblingen“ wurde ein drittes Segelflugzeug, ein Baby IIb, im Eigenbau in Angriff genommen, Ende Oktober fertiggestellt und auf den Namen „Ludwig Lenz“ getauft. Ende des Jahres begann der Bau eines vierten Flugzeuges.

1954 Der Flugbetrieb auf dem inzwischen zugelassenen Fluggelände Aidlingen begann frühzeitig. Voller Stolz wurde am 1. August 1954 das vierte Flugzeug auf den Namen des unvergesslichen Dr. Hanns Klemm vor dem Rathaus durch Frau Trude-Maria Klemm getauft. Erstmals nahm der Verein mit zwei Piloten am Segelflugwettbewerb auf dem Klippeneck bei Spaichingen teil. Im Laufe des Wettbewerbs stürzte ein Pilot der Flugsportgruppe mit der „Stadt Böblingen“ bei Mössingen ab und überlebte den Unfall schwerverletzt. Das noch mit Schulden belastete Flugzeug wurde dabei komplett zerstört. Anlässlich des Ereignisses geschah etwas gänzlich Unerwartetes. Eine Welle der Hilfsbereitschaft und Spendengeldern brach den Böblinger Fliegern aus allen Kreisen entgegen. Einige örtliche Vereine führten sogar Veranstaltungen durch, deren Reinerlös der Flugsportgruppe zu Gute kam. Nicht umsonst trug die Stadt Böblingen damals im Volksmund auch den Namen „Fliegerstadt Böblingen“. 1955 wurde die neue „Stadt Böblingen“ von Frau Hörmann im Schönbuchsaal in Böblingen getauft und durch den genesenen Piloten eingeflogen. Nachdem auch endlich der Motorflug freigegeben war, wurde mit dem Bau eines Motorflugzeuges begonnen. Zuvor musste jedoch die Fliegerwerkstatt vom Rathaus in ein abbruchreifes Gebäude auf dem ehemaligen Gelände der Firma Bonz (überbaut von der Firma Briem) verlegt werden.

2. Beginn einer Tradition: „Die Böblinger Flugtage“

1956 Zusammen mit dem Flugsportverein Sindelfingen wurde am 13. Oktober 1956 auf dem jetzt überbauten Goldberg in Sindelfingen der erste gemeinsame Flugtag abgehalten. 12.000 Zuschauer konnten bei herrlich warmem Herbstwetter diesen Flugtag, bei dem die Flugzeuge (Hubschrauber und Segelflugzeuge ausgenommen) zu ihrer Demonstration auf dem Flughafen Stuttgart Echterdingen starteten, miterleben. Als am Schluss des Flugtages aus luftiger Höhe aus der „Stadt Böblingen“ ein Mitglied der Stadtkapelle Böblingen die Melodie „Auf Wiedersehen, auf Wiedersehen, bleib nicht so lang fort…“ intonierte, konnte niemand ahnen, dass dieser gemeinsame Flugtag unter der Regie des Böblinger Vorstandes Eduard Geiger der Auftakt zu den größten privaten Luftfahrtveranstaltungen der Bundesrepublik in den folgenden Jahren war.

1957 konnte die Flugsportgruppe mit der Stadtverwaltung von Böblingen eine Vereinbarung treffen, das Gelände Hulb als Fluggelände nutzen zu dürfen. Die Flugsportgruppe baute dieses Gelände, das geeigneter und sicherer als das Gelände „Venusberg“ war, mit Hilfe der US-Army, die die Planierungsarbeiten durchführte, aus.

1958 wurde der Landeplatz Böblingen-Hulb, wie sich das Gelände offiziell nannte, in Betrieb genommen. Dem Flugsportverein Sindelfingen, auf der Suche nach einem ganzjährig befliegbaren Gelände, wurde das Recht eingeräumt, auf der Hulb fliegen zu dürfen. Die Fliegergruppe Holzgerlingen schloss sich mit allen ihren Mitgliedern und ihrem Flugzeugpark (ein Baby IIb und einem Schulgleiter) der Flugsportgruppe an. Mit dem Beginn der Saison begann ein ereignisreiches Jahr für die Kameraden der Flugsportgruppe. Ein Segelflieger flog von Böblingen in die damalige Tschechoslowakei, wurde dort von Militärmaschinen zur Landung gezwungen und einige Tage festgehalten. Ein anderer flog ausgerechnet am 17. Juni 1958 in die Ostzone. Auch er wurde vom Militär zur Landung gezwungen und einige Tage festgehalten.

Am 31. August 1958 fand der erste Flugtag auf der Hulb, wie auch die folgenden in Zusammenarbeit mit den Sindelfinger Kameraden, statt. An dem Flugtag nahm erstmals die Luftwaffe der Bundesrepublik mit Jagdflugzeugen teil. Ein weiteres Highlight des Flugtages war unbestritten der erste Segelkunstflugwettbewerb der Bundesrepublik Deutschland der mehr als 30.000 Zuschauer anlockte.

3. Großflugtage

Der Erfolg des Flugtages legte den Grundstein für die Folgetage in den Jahren 1959-1962, 1964, 1968 und 1970, die alle unter der Regie des Böblinger Vorstandes Eduard Geiger durchgeführt wurden. Bis zu 200.000 Zuschauer säumten manchmal die Landebahn auf der Hulb, um die Großflugtage erleben zu können. Die Großflugtage waren international. Kunstflugstaffeln aus den USA, Frankreich, England, der damaligen Tschechoslowakei und Deutschland demonstrierten ihr Können. Allein am Flugtag im Jahr 1961 nahmen vier Kunstflugstaffeln, die „Skyblazers“, die „Patrouille de France“ ein NATO-Team und das T6-Team der deutschen Luftwaffe teil. Hubschrauberdemonstration von NATO-Verbänden, der Heeresflieger und nicht zuletzt Massenabsprünge der Böblinger Fallschirmjäger aus Großraumflugzeugen rundeten die militärischen Flugdemonstrationen an den Großflugtagen ab.
Einen nicht unwesentlichen Teil zum Gelingen der Flugtage trug der Motorsport bei, ja, er stand sogar im Mittelpunkt dieser Großflugtage. Sportflugzeuge aller Typen, kleine und große Hubschrauber, Segelflugzeuge und Nurflügler gaben ihr Stelldichein.

1959 Durch den ersten Großflugtag mit dem Kunstflugteam „Skyblazers“, konnte die Unterstellmöglichkeiten auf der Hulb im Einvernehmen mit der Stadtverwaltung wesentlich erweitern.
Das erste selbstgebaute Motorflugzeug, ein Sperling, wurde in Betrieb genommen, Hinzu kam wieder einmal ein Umzug der Werkstatt, die in die Rosensteinstraße verlagert werden musste.
Ein Zielflug nach Genf mit einem Segelflugzeug der Gruppe war eine der vielen sportlichen Höchstleistungen.

1960 Das erste, im Teilselbstbau hergestellte, für den Kunstflug zugelassene Segelflugzeug wurde zur Kunstflugschulung in Betrieb genommen. Ein Zielrückkehrflug nach Eichstätt, ein Höhenflug über Böblingen auf 4800 Meter in einer Gewitterwolke und zwei Höhenflüge im Föhnsturm über Innsbruck auf über 8000 Meter Höhe waren (zum damaligen Zeitpunkt) Glanzlichter im sportlichen Geschehen der Flugsportgruppe. Selbstverständlich war weiterhin die Segel- und Motorflugschulung des Nachwuchses mit eigenen Fluglehrern.

1961 wurde auf der Hulb weiter ausgebaut. Eine unterirdische Tankstation wurde installiert und ein Flugleiterhäuschen aufgebaut. Natürlich fand auch in diesem Jahr ein Flugtag in gewohntem Ausmaß statt.

1962 fanden die 14. Deutschen Motorflugmeisterschaften auf der Hulb statt. Sie dauerten zwei Tage. Neuer Deutscher Meister im Motorflug wurde Walter Wolfrum, der sich im Rahmen des Großflugtages mit seiner Meisterkür den Flugtagbesuchern vorstellte.

1963 war erstmals ein Jahr ohne Flugtag, jedoch nicht ohne Veranstaltung. Die Hulb war Zwischenstation mit Übernachtung anlässlich des Deutschlandfluges 1963. Sportliche Höhenpunkte waren drei Segelflüge nach Frankreich, davon einer nach Troyes, einer zu Böblingens Partnerstadt Pontoise und einer fast an die Kanalküste, mit weit über 500 km Luftlinie Entfernung. Hinzu kamen mehrere Dreiecksflüge bei denen die Piloten mehr als 300 km Strecke zurücklegten.

1964 Zum ersten Mal gab es böse und verärgerte Gemüter anlässlich des geplanten Flugtages. Das Regierungspräsidiums verhängte ein Verbot, am 6.September den geplanten Flugtag zu veranstalten, denn an diesem Tag war in Stuttgart der Katholikentag. Letztendlich musste der Flugtag auf den 13.September verlegt werden. Gott sei Dank, denn am 06.September goß es in Strömen und am 13.September war herrliches Flugtagwetter. Im Laufe des Jahres wurde der Motor- und Segelflug durch den Bau bzw. Kauf von weiteren Maschinen weiter gefördert.

Das Jahr 1965 diente zur Konsolidierung des im Verein Erreichten. Der Flugzeugpark wurde verbessert und es konnten ohne die belastenden Arbeiten durch einen Flugtag in allen Sparten des Flugsports wie Segelflug, Segelkunstflug, Motorsegelflug und Motorflug beachtliche Höchstleistungen erzielt werden.

1966 eckte die Flugsportgruppe bei der Planung des Flugtages schon wieder beim Regierungspräsidium an. Das Präsidium untersagte die Teilnahme von Flugzeugen mit Strahltriebwerk/en am Flugtag. Die damalige Begründung war, dass durch den Einsatz solcher Flugzeuge die öffentliche Sicherheit und Ordnung gefährdet wäre. Ein Widerspruch wurde abgelehnt. Daraufhin musste der Flugtag ohne die NATO-Kunstflugstaffel durchgeführt werden. In letzter Minute konnte für diesen Flugtag noch die Tschechoslowakische Kunstflugstaffel auf propellergetriebenen Flugzeugen gewonnen werden. Ein wegen des Verbots von Strahlflugzeugen am Böblinger Flugtag von der Flugsportgruppe angestrengtes Verwaltungsgerichtsverfahren wurde zugunsten der Flugsportgruppe entschieden. So durften an den beiden letzten Böblinger Flugtagen in den Jahren 1968 und 1970 strahlgetriebene Flugzeuge wieder teilnehmen.

1967 war erstmals Böblingen Endstation für den südwestdeutschen Rundflug. Es war für Jung und Alt ein gleichermaßen schönes Erlebnis, weit über 100 Sportflugzeuge auf der Hulb abgestellt zu sehen. Mitte des Jahres musste auf der Hulb mit einem Werkstattneubau begonnen werden, um das bislang als Werkstatt in der Rosensteinstraße benutzte Gebäude auf Wunsch der Stadtverwaltung freizumachen. Nach unermüdlichem Einsatz aller Gruppenmitglieder konnte noch Ende des Jahres Richtfest gefeiert werden.

Flugplatzsuche

1968 wurde die neue Werkstatt mit Montagehalle fertiggestellt. Sie war entsprechend dem Bebauungsplan der Hulb so in das Gelände konzipiert worden, dass sie auch nach Auflösung der Hulb als Flugplatz (dieser Schatten lag schon längere Zeit über der Flugsportgruppe) beibehalten werden konnte. Die Suche nach einem Ersatzfluggelände (der Venusberg bei Aidlingen war nicht mehr zugelassen), hervorragend unterstützt durch die Gemeindeverwaltung, an deren Spitze Oberbürgermeister Wolfgang Brumme, begann wieder einmal – trotz allen Einsatzes jedoch ohne Erfolg. Ein überragender Flugtag mit hoher Zuschauerzahl demonstrierte noch einmal den Überlebenswillen der Flugsportgruppe.

Anfang 1969 wurden die ersten Industriebauten in der Nähe der Landepiste auf der Hulb erstellt. Sie beengten immer mehr und mehr den Flugbetrieb. Noch einmal, gewissermaßen zum Trotz (oder Abschied?), endete der Südwestdeutsche Rundflug in Böblingen.

1970 fiel die Entscheidung, die die Flugsportgruppe schwer traf. Der Flugsportgruppe wurde von der Böblinger Stadtverwaltung zum 31.Dezember 1970 die Hulb gekündigt. Ein Ersatzfluggelände war immer noch nicht gefunden worden.

In diesen bitteren Tagen bäumte sich die Flugsportgruppe noch einmal auf und verabschiedete sich am 6.September 1970 mit dem letzten Flugtag in der Fliegergeschichte der Stadt Böblingen.

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